COVID-19-GROTESK - EIN NOTSTAND

Auch die zweite Coronawelle rollt mit einer Groteskwelle einher.

Wo immer im öffentlichen Raum vor dem Virus gewarnt wird, geschieht das mit diesen Lettern: ohne Schnörkel, ohne Strichlein an den Buchstabenenden, nicht dünn, nicht schmal, nicht schief, nicht breit, auch nicht riesig - nur bemüht um das Mittelmaß und Neutralität.

 

Bundesgesundheitsministerium 11-2020

Die Schriftfamilie Grotesk

hat seit ihren großen Tagen in den 1920er/30er Jahren längst die meisten Anwendungsbereiche verloren. Damals wollte man beweisen, dass die serifenlosen Reklame-Schriften des 19. Jahrhunderts sich durchaus für Behördenkommunikation, Zeitschriften oder gar Poesie eigneten. Heute sind  nurmehr "Behördentexte" übrig, die „überdeutlich“, „sachlich“, „objektiv“ klingen sollen, was außer Langeweile nur Unsichtbarkeit  nach sich zieht.

 

Ist klinische Kühle angemessen, wenn es drum geht, für Social Distancing zu werben? Selbst um Hygiene wurde sonst selten so gebeten.

Ganz gleich, ob Ministerium, lokaler Wirtschaftsverband oder Handwerksinnung, ob Geschäftsinhaber oder Wettbüro-Betreiber – alle drucken und schreiben ihre Verhaltensmaßregeln in diesen „Druckbuchstaben“. Und merkwürdig: Wo immer Außenwerbung der Wirtschaft auf die Krankheit Bezug nimmt, ist es nicht anders.

Zwei Bereiche, sonst weit voneinander getrennt, nähern sich beim Thema Corona einander bedenklich - professionelles und Do-It-Yourself-Design. In beiden wird für Corona schnell produziert. Auf die Unterstützung von Bildern wird erstaunlicherweise weitgehend verzichtet, oder man nimmt  solche von zweifelhafter Anziehungskraft. So wächst ein riesiger Bereich dringend benötigter „Gebrauchsgrafik“, die aber niemand wirklich sehen will. Oft unfreiwillig komisch, allzu oft aber nur hilflos.

Jetzt leben wir schon neun Monate mit der Pandemie, und es gibt immer neue Verhaltensregeln, die es zu kommunizieren gilt. Wer widmet sich denn den neuen Aufgaben, die sich mit der Pandemie aufgetan haben?

Vielleicht kennen Sie gute Beispiele?

Hier wäre ein Ort, sie zu zeigen. Ich würde mich über einzelne Arbeiten oder Links freuen! Auch Kommentare wären nützlich…

mailto Ute Brüning

 

PIKTOGRAMME, EMOJIS UND ANDERE  ZEICHEN

Gebote, Warnungen und Verbote erscheinen in öffentlichen Räumen meist in Zeichenform - können sie doch  schneller und eindeutiger als Worte agieren. Die Pandemie brauchte über Nacht  Millionen neuer, einprägsamer, präziser Zeichen und Signale. Der Ton allerdings, in dem die Direktiven hervorgebracht werden, ist allzu oft abschreckend, lächerlich oder bestenfalls missverständlich-hilflos.

Dass Zeichen, die ja eigentlich allein sprechen können müssten, oft noch mit Worten erklärt werden,  mag mit ihrer ungenügenden grafischen Qualität zusammenhängen.

Doch warum vertraut man  dem Gefühlsgehalt des geschriebenen Wortes nicht mehr und verstärkt ihn mit  Emojis? Fehlt auch der sprachlichen Formulierung die Qualität?

Und warum - so mag mancher Geschäftsmann denken - überhaupt ein Piktogramm, wenn doch die Originalmaske inzwischen völlig ausreicht? Oder warum langsame Grafik, wenn man doch schnell ein Selfie mit Maske machen kann?

PSYCHOKRISE

Zu den rar gewordenen Auftraggebern für Außenwerbung gehört seit Mai  2020 eine Branche, die sonst nicht auf diesen Werbeflächen erscheint. Der Behördenernst der Groteskschriften, die hier verwendet wurden, entsprach durchaus depressiven Gemütslagen im Social Distancing. Und doch ist er ganz leicht professionell modifiziert, indem zum Beispiel das Ich, das hier im Bilde klagt, mit Hilfe von Endstrichen doch individuellere Züge erhält. Zusätzliche farbliche und bildliche Elemente lassen die Schriftstrenge ein wenig weniger behördenartig wirken.  Aber wen wird das wirklich berühren?

VERKEHRSREGELN

ERINNERUNGSWERBUNG

Manchmal erinnert das Straßenbild ein bisschen an die DDR. Viele  Werbeflächen sind leer. Oder man wirbt für ein Theater, ohne ein Programm anzukündigen. Im 2. Weltkrieg nannten das die großen Markenfirmen "Erinnerungswerbung". Das Markengesicht sollte auch ohne Waren- oder Serviceangebot im Unterbewusstsein der Käufer bis zum Kriegsende präsent bleiben.

Noch jetzt im November 2020 erscheinen Plakate ohne erkennbaren Sinn. Sie verbergen, dass es nichts zu bewerben gibt.  Politik oder Werbebranche bespielen die unverkauften Flächen selbst. Grotesk.

Aber immerhin: Hier wird wenigstens in Schriften kommuniziert , die vom nackt-neutralen Behördenernst der Coronagrotesk manchmal abweichen.

 

 

 

 

FOTOS :

Ute Brüning

Sophie Brüning

Sabine Hartmann

Ulrike Zophoniasson

und Ungenannte

 

 

B E I T R Ä G E

W I L L K O M M E N !

 

mailto Ute Brüning