DIE COVID-19-GROTESK

PROFESSIONELLES UND DO-IT-YOURSELF-DESIGN

PSYCHOKRISE

Zu den rar gewordenen Auftraggebern für Außenwerbung gehörte plötzlich eine Branche, die sonst nicht auf diesen Werbeflächen erscheint. Der Behördenernst der Groteskschriften, die hier verwendet wurden, entsprach durchaus dem Ernst einer depressiven Gemütslage im Social Distancing. Und doch ist er ganz leicht professionell modifiziert, indem zum Beispiel das Ich, das hier klagt, mit Hilfe von Endstrichen doch individuellere Züge erhält. Zusätzliche farbliche und bildliche Elemente lassen die Schriftstrenge ein wenig weniger wichtig wirken.  

PIKTOGRAMME UND EMOJIS

VERKEHRSZEICHEN

OHNE WORTE -

DIE REGIERENDEN


drucken das, was sie uns vorschreiben oder mitteilen wollen, in Groteskschriften. Das sind die ohne Schnörkel, ohne Strichlein an den Buchstabenenden, nicht dünn, nicht schmal, nicht schief, nicht breit, auch nicht riesig - immer bemüht um das Mittelmaß und Neutralität. Den Drucksachen und Schildern sieht man nicht an, was darinsteht. So sind wirs seit Jahren gewohnt –

jedenfalls in Berlin. Das Berliner Corporate Design sieht seit 2012 die Schrift BMFChange Sans vor.

Ministerien  und Wirtschaftsverbände

tragen die politischen Direktiven mit Plakaten und  Vordrucken weiter und interpretieren. Ihren  Behörden-Ernst verbreiten sie  per Grotesk.

 

Es wundert nicht, dass Corona mit großen Teilen der Wirtschaft und Kultur auch deren Werbung geschluckt hat. Von verbliebenen 60% sprach man im April.Doch seltsam: Auch die letzten Plakate, die noch an Straßen- und Schienenstrecken klebten, auf denen Lieferdienste für Streaming, Telefonie oder Lebensmittel, Psychotherapeuten oder zum Schweigen verurteilte Kulturinstitutionen  zu Wort kamen, hatten sich dem „offiziellen“ Schriftgebrauch anverwandelt.

 

Während das öffentliche Leben und seine Außenwerbung wieder wachsen, bleibt das Schriftbild sich gleich: Skelette ohne Fleisch, die den Transport des Inhalts dem Bild überlassen. Wo der Einsatz von Bildern indessen zu aufwendig scheint, kommen ihre Kurz- und Kleinformen zum Einsatz: piktogrammartige Zeichen, die der Schrift eigentlich nicht mehr bedürfen. Doch nein,  Do-It-Yourself-Designer*innen meinen, gerade hier müssten sie mit Worten erklären!

 

DIE REGIERTEN,

 

die Betreiber von Ladenlokalen allen voran, sind gehalten, Direktiven selbst zu erdenken und zu drucken. Im Do-It-Yourself-Entwurf kommen die Ausführungsbestimmungen der immer neu zu variierenden sozialen Distanzen in der Pandemie daher. Wer nicht Vorgedrucktes nutzt, schreibt selbst. Mit Filz manuell oder mit Druckertinte per Tastendruck.

Auch hier herrscht Grotesk, Blockschrift an allen Türen. Was die Schule gelehrt, gelangt hier ans Licht.  So verwandelt, schimmert der nackte Ernst der Behörden-Schrift noch durch die kompliziertesten Bestimmungen, die sich zwischen die Werbeschildchen von einst klemmen, dort aber untergehen, wo sauber geputzte Scheiben ganz anderes reflektieren. Ein ewiges Dilemma des Do-It-Yourself-Design.

 

 

FOTOS:

Ute Brüning

Sabine Hartmann

Ulrike Zophoniasson

und Ungenannte