Günter Gerhard Lange und die bayer-Type

 

Vor 40 Jahren begegnete ich zum ersten Mal der bayer-Type in zwei Schriftproben jener Schriftgießerei, die den Entwurf des ehemaligen Bauhauslehrers Herbert Bayer herausgebracht hatte, der H. Berthold AG:

Vorprobe zur bayer-Type, 1933? Entwurf: Herbert Bayer zugeschrieben
Abb. Patrick Rössler, Herbert Bayer. Die Berliner Jahre. Werbegrafik 1928-1938. 2013, B-09
die eine:
Ein quadratischer Prospekt,

dessen Titelblattmotiv „HB“ auf die Nähe zwischen Schriftentwerfer und -gießerei anspielt – sie tragen dieselben Initialen.

20,5x20,5 cm

12 S.

 

 

 

Berthold-Probendruck 306, bayer-Type, Entwurf: Herbert Bayer zugeschrieben
Aus GGLs Bibliothek. Deutsches Technikmuseum, Signatur III.2 36218-001, Abb. museum digital: https://berlin.museum-digital.de/object/102388
die andere:
der „Berthold-Probendruck 306".

Diese Bezeichnung stellt ihn in die Reihe der fortlaufend numerierten Schriftmuster der Gießerei. Hier ist das Titelblatt einer Mappe zu sehen, die für 25 bis 27 (Bauhaus-Archiv-Berlin bzw. UB Amsterdam) Satzmusterbeispiele und die Übersicht über die angebotenen Garnituren gedacht ist.

30,2 x 21,4cm

aufgeklebt auf Karton

 

GGL, Brief an die Verfasserin, 1.3.1982
GGL, Brief an die Verfasserin, 1.3.1982

Ich wollte mehr über Bayers Schrift und seine Tätigkeit bei der H. Berthold AG wissen und wandte mich an Günter Gerhard Lange, ihren künstlerischen Leiter.

Er antwortete schnell, verschrieb sich aber dabei. Die Garnitur „kursiv-halbfett“ nannte er in seinem Brief versehentlich zweimal. Natürlich wusste Lange, dass die drei ersten Garnituren der bayer-Type „mager“, „halbfett“ und „fett“ waren. Und natürlich wusste er, dass die beiden kursiven später dazugekommen waren. In seiner Handbibliothek war, wie ich unlängst feststellte, jenes Exemplar der Schriftprobe 306 vorhanden, das oben gezeigt ist. Dort ist das Blatt mit den beiden kursiven Garnituren nach den drei anderen nachträglich eingeklebt. Es gehörte also nicht zur Typenübersicht der ursprünglichen Schriftprobe 306. Auch andere Exemplare wie in der UB Amsterdam und in der LMU München, wo das Blatt nur beigelegt ist, belegen die spätere Ergänzung.

 

Herbert Bayer: Vorstufe zur bayer-Type, "about 1930-32"
Herbert Bayer: Vorstufe zur bayer-Type, "about 1930-32". Abb. https://www.thefoundrytypes.com/fonts/architype-bayer-type/

Woher stammten GGLs Datierungen der Satzmusterhefte?

Der wiedergefundene Brief gab Anlass, die dort angegebenen Daten 1935 und 1936 noch einmal zu überprüfen. Einen Anhaltspunkt zur Datierung kann Lange nur bei dem einzigen existierenden Vorentwurf gefunden haben. Er stellt ein Bindeglied zwischen den „Universal“-Entwürfen und der bayer-Type her und ist eine Art Vorstufe. Die Londoner Foundry hat bekanntlich dieses Blatt zur Grundlage ihrer digitalen architype Bayer-Type gemacht.  Bayer hatte das Blatt im Bauhaus-Archiv Berlin deponiert mit dem Vermerk „about 1930-32“. (Magdalena Droste (Hg.): Herbert Bayer. Das künstlerische Werk. Bauhaus-Archiv Berlin 1982, Kat.Nr. 298)

Die beiden Exemplare der quadratischen Schriftprobe jedoch  (Bayer 82, Kat.Nr. 325 und Kat.-Nr. 326) sind vom Künstler nicht datiert worden, doch bis heute werden sie, vermutlich anhand von Bayers Kommentar auf dem Vorentwurf, auf 1933  gesetzt. ( so z.B. bei Patrick Rössler: Herbert Bayer. Die Berliner Jahre. Werbegrafik 1928-1938, Berlin 2013, B-09)

Buchstaben der bayer-Type in Herbert Bayer:"Towards a Universal Type", 1936
konstruierte Buchstaben der bayer-Type in Herbert Bayers Aufsatz "Towards a Universal Type", 1936
Einen genaueren Anhaltspunkt lieferte Bayer, als er mit dem a- und dem g-Entwurf der fetten bayer-Type seinen Aufsatz „Towards a Universal Type“ illustrierte, der in der Londoner Fachzeitschrift Commercial Art & Industry im Oktober 1936 erschien. (auch in der Zs. PM, (Vol. 6, Nr. 2, 1939-40) Der Artikel wird dort rückwirkend mit „1935“ datiert. Es ist kaum anzunehmen, dass er das Alphabet sehr viel früher fertig hatte. Denn wie Bayers Publikationen immer wieder zeigen, ist die Spanne zwischen Fertigstellung eines Werks und Veröffentlichung sehr oft kurz.

Als Type erschien Bayers Schrift  zunächst in einem halbfetten und einem fetten Schnitt, der magere befindet sich derweil „in Vorbereitung“, wie ein 4-seitiges, bisher unpubliziertes Faltblatt sagt. (Sammlung Hans Reichardt) Diese Vorprobe der bayer-Type trägt die  Berthold-Probendruck-Nummer 302 und enthält bereits die Garniturnummern, anhand derer die Schriften bestellt werden konnten.

Als der magere Schnitt fertig war, erschienen dann alle drei zusammen im o.g. quadratischen Prospekt, der nicht in die Serie der gezählten Berthold-Druckproben aufgenommen ist. GGL wird Recht haben, wenn er das Heft in seinem Brief auf 1935/36 datierte. In der Londoner Zeitschrift Commercial Art & Industry nämlich ist es im Februar 1936 zu sehen. (S. 41) Diese 10- bzw. manchmal auch 12-seitige Druckprobe lag teils den „Typographischen Monatsblättern“ bei, der Zeitschrift des schweizerischen Typographenbundes. Teils aber fehlt dieser Aufdruck auf dem Titelblatt, und das Heft konnte in einem dazu passenden Umschlag beliebig verschickt werden. (Rössler 2013, B-09) Das Fehlen der Garniturnummern deutet darauf hin, dass es eher um Werbung für das künstlerische Erzeugnis ging als um ein Angebot des Satzmaterials.

Im In- und Ausland wurde für die bayer-Type geworben. Eine zwölfseitige Druckprobe mit der Berthold-Zählung Nr. 303 wurde bereits für den schwedischen Markt herausgebracht, als es erst zwei Schnitte gab.. In die  nordischen Länder wurde die Schrift dann am meisten verkauft, so berichtete Lange. 

Das Titelmotiv, auf der Bayer der geometrischen Konstruktion nach den Parametern "klassisch - modern - ökonomisch" wortwörtlich griechische Ästhetik zugrunde gelegt hat, wurde bereits in der deutschsprachigen Schriftprobe 302 verwendet. In der darauf folgenden, weitaus bescheideneren Anzeigenwerbung während der Jahre 1936-38 wurde das spektakuläre Bild dann nicht mehr verwendet.

Herbert Bayer: Prospekt DEUTSCHLAND, 1936, Beilage in Gebrauchsgraphik 1936, H. 4
Herbert Bayer: Prospekt DEUTSCHLAND, 1936, Beilage in Gebrauchsgraphik 1936, H. 4

Die deutsche Bewerbung der Neuerscheinung in drei Schnitten begann erst im April 1936 mit dem umfangreichen Portfolio Herbert Bayers in der Zeitschrift Gebrauchsgraphik. Eigens dafür wurde eine deutsch-englische Druckprobe entworfen, die das Motiv  mit dem griechischen Kopf abwandelt. An dieser Stelle war auch die vielleicht weltweit bekannteste und prominenteste Druckprobe seiner Schrift eingeklebt, der 36-seitige Ausstellungsprospekt „DEUTSCHLAND“ .

 

 

Albrecht Heubner: Berthold-Werbung im Archiv für Buchgewerbe 1937, H. 5
Albrecht Heubner: Berthold-Werbung im Archiv für Buchgewerbe 1937, H. 5

In den deutschen Fachzeitschriften wurde die bayer-Type dann ab September 1936 annonciert. Das lässt den Rückschluss zu, dass alle Satzbeispiele aus der Druckprobe  306  - bis auf zwei mit kursiven Schriften - vor diesem Zeitpunkt entstanden sein müssen.  Während des Jahres 1937, (Gebrauchsgraphik 02-1937, 08-1937, 09-1937, 10-1937), als Herbert Bayer den Katalog zu seiner Einzelausstellung in der London Gallery mit seiner Type ausstattete, wurden in den Anzeigen der Firma die kursiven Garnituren erst angekündigt. Ab Februar 1938 waren  auf dem deutschen Markt auch die Kursiven zu haben. (z.B. Gebrauchsgraphik  02-1938, 08-1938, 10-1938)

Also müssten wir Günter Gerhard Langes Entstehungsdatum der Druckprobe 306 inzwischen auf 1937 korrigieren.

Das hier gezeigte Sammelinserat für sieben Berthold-Schriften zeigt, dass die bayer-Type nur eine Reklameschrift unter mehreren war, die etwa gleichzeitig auf den Markt kamen. Für Bayers Schrift gab es nach den eingangs erwähnten beiden aufwendigen Druckproben von Seiten der Firma nur noch kleinere Annoncen.

 

 

Druckprobe mit bayer-Type. Beilage zu Imprimatur VI, 1935
Druckprobe in bayer-Type. Beilage zu Imprimatur VI, 1935

Die bayer-Type  als Brotschrift zu propagieren, ist wohl ein Versuch, der nicht oft gemacht worden ist. Der nebenstehende Auszug aus Balzacs  "Verlorene Illusionen", ein Roman mit einem Buchdrucker als Protagonisten, kann eine gute Lesbarkeit der Type  nur mit großem Durchschuss beweisen.

 

Die Formgebung der Kursiven lag nicht in Bayers Hand, jedenfalls gibt es keinen Nachweis dafür, dass sich der Künstler darum gekümmert hätte. Bis zu seiner Auswanderung 1938 hat er darauf verzichtet, sich in Deutschland als Schriftschöpfer darzustellen. Und die kleine Schriftprobe 324, die speziell die Bayer-Type-Kursiv anbietet, (UB A’dam) trägt gestalterisch nicht mehr Bayers Handschrift. Günter Gerhard Lange hatte sie nicht in seiner Bibliothek. Stilistisch weist ihre Gestaltung auf einen freiberuflichen Mitarbeiter in Bayers Studio Dorland, Albrecht Heubner - ein Grafiker, der ebenfalls am Bauhaus ausgebildet worden war und um 1937 bei Berthold in die Funktion eines künstlerischen Beraters hineingewachsen ist.

Herbert Bayer: geometrische Elemente, angeblich verwendet in seiner Universal Type. Abb: Towards a Universal Type, pm, Vol. 6, Nr. 2, Dec. 1939-Jan. 1940, p. 28
Herbert Bayer: geometrische Elemente, angeblich verwendet in seiner Universal Type. Abb: Towards a Universal Type, pm, Vol. 6, Nr. 2, Dec. 1939-Jan. 1940, p. 28

Noch nach 47 Jahren erinnerte sich also der Leiter der Berthold-Hausdruckerei an die Schwierigkeiten mit dem Schöpfer der bayer-Type. Erstaunlich genug - schließlich wurde die Schrift nach dem Krieg nicht mehr gegossen und war im grafischen Gewerbe sonst  längst vergessen. Diese Hartnäckigkeit, mit der Bayer nicht von seiner rein geometrischen Konstruktion abwich, versteht nur, wer sein Credo kennt, das ihm jeden Kompromiss verbot: „Je einfacher die Buchstabenform, desto leichter ist die Type zu erkennen, zu lesen und zu lernen.“ Einfach aber war für Bauhäusler, die in der Gropiuszeit um 1923 gelernt hatten, gleichbedeutend mit geometrisch konstruiert. Und je weniger Elemente gebraucht wurden, desto ökonomischer und funktionaler war der Entwurf. Hob Bayer bei der Präsentation seiner Versuche zur Universal Type noch ihre Konstruktionselemente hervor, die Vertikale, die Horizontale, vier Kreise und drei Winkel, so betonte er an der bayer-Type, die der Künstler noch 1939 in diesem  Kontext sah, nur die verwendeten Kreisbögen - demonstriert  hat er sie allerdings nur am Buchstaben "a".

 

In einem späteren Brief berichtete mir GGL aus derselben Quelle, dass die bayer-Type kein Geschäftserfolg war – denn die dünnen Serifen brachen oft ab. Letzte Spuren von ihr hat übrigens der Gestalter Stephan Müller noch in der Münchner Druckerei F. Bruckmann in einem Schriftmusterbuch von 1949 entdecken können. (Müller an mich, Mail vom 21.05.2019)

 

Am 3.9.1983, also 1 ½ Jahre nach dem GGL-Brief, notierte sich Lange unter dem Stichwort „Neue Schriften“ die bayer-Type mit Fußnote „sh meine Sammlung“ und rahmte sie ein. Es handelt sich um eine Notiz für die regelmäßig bei Berthold tagende „Planungsgruppe Schrift“, in der überlegt wurde, welche Schriften sich zur Aufbereitung für die Fotosetztechnik eignen würden. GGL versah die Zeile mit einem Sternchen* und kommentierte „noch nicht besprochen!“. Zuletzt tauchte die bayer-Type 1987 in seinen Unterlagen für eine ähnliche Besprechung noch einmal auf. (Nachlass Lange NL 288.50, Deutsches Technikmuseum)

Ob es wirklich Vorbereitungen gab, die Schrift an die Fotosatztechnik anzupassen, ist noch immer offen.

 

Anlässlich des Workshops im Deutschen Technikmuseum „Schriftproben in der Forschung – Interdisziplinäre Perspektiven aus Wissenschaft, Sammlungseinrichtungen und Design“, 10./11.6.2022